Montag, 29. August 2016

Der Beginn eines neuen Lebens.

Heute bin ich seit genau 13 Tagen in Estland. Und es ist verrückt. Alles ist verrückt. Der Abschied am Flughafen war kurz und schmerzlos und ehe ich es wirklich verstehen konnte, saß ich in einem Flugzeug. Auf dem Sitz vor mir stand in fetter, kursiver Schrift „Päästevest on istme all – Life vest under your seat“. Anfangs zogen kaum Wolken an meinem Fenster vorbei, aber je näher ich Estland kam umso verregneter wurde es dann auch und schließlich konnte ich nur noch eine weiße Masse sehen, wenn ich einmal aus dem Fenster blickte. Nach guten zwei Stunden kam so eine hässlich genuschelte Durchsage, so dass ich absolut keinen Plan hatte, was der Pilot mir da eigentlich mitteilen möchte und Sekunden später folgte schon eine Durchsage auf Deutsch: „Meine Damen und Herren, bitte bereiten Sie sich auf die Landung vor.“ Panikattacke, Krämpfe und Herzrasen. Oh mein Gott, hätte ich doch einfach nicht zugehört! Was habe ich getan?! GANZ TIEF DURCHATMEN UND RUHIG BLEIBEN AHHHHHH. REIß DEM TYPEN NEBEN DIR BLOß NICHT DEN ARM AB UND SPRING NICHT AUS DEM FENSTER!

Oder so in etwa. Wenig später kam ich aus der kleinen Maschine getorkelt, stolperte über so ein blödes Kabel und flog halb auf die Fresse, wurde ausgelacht und nach 15 Minuten, in denen ich nicht wusste, wo am blöden Tallinner Airport der beschissene Ausgang war, sah ich YFU-Menschen. Ich war noch nie so glücklich Leute von YFU zu sehen. Holy shit. Mir wurden Weintrauben und Mineralwasser angedreht und ich habe mich mit den zwei Teamern und den anderem Austauschschüler unterhalten, so lange bis ein gigantischer Haufen Deutscher ankam. Und dann ging es los in ein eher heruntergekommenes Häuschen in Kurtna. Dort hatten wir vom 16. August bis zum 20. August ein Orientierungsseminar, bei dem sich alle Austauschschüler kennengelernt haben und auf das Leben da draußen in Estland vorbereitet wurden. Für alle ging es dann am 20. August zu ihren Gastfamilien. Für diejenigen, die im Norden Estlands leben, wurde direkt in Kurtna eine Feier für die Zusammenkunft der Austauschschüler und der Gasteltern veranstaltet, während diejenigen, die im Süden Estlands leben mit einem Bus nach Tartu fahren mussten und zu diesen Leuten gehöre unter anderem auch ich. Jedoch hatte meine Gastfamilie an diesem Tag keine Zeit, um mich abzuholen bzw. überhaupt bei mir zu sein, weil sie auf eine wichtige Geburtstagsfeier mussten. So kam es, dass ich mit meiner älteren Supportperson und ihrer Tochter das riesige Buffet plünderte und wir gemeinsam aßen. Später brachten sie mich zu ihnen nach Hause und nachdem ich zum ersten Mal „Kama“ probieren durfte, radelten Ellie, die Tochter, und ich in die Stadt. Sie war echt total lieb und hat mir ganz viel über die Stadt erklärt und mir echt tolle Orte gezeigt. Am Abend fuhr ihr Vater mit mir, Ellie und Ellies Schwester zum See und es war echt wunderschön zu sehen, wie die Sonne untergeht. Der See war in ein orange-rot getaucht und ich habe es mit meiner Kamera nur zu gerne festgehalten. Um 22:00 beschloss ich mich in die Federn zu begeben – einerseits mit totaler Freude und anderseits mit kompletter Angst vor meiner Gastfamilie. Am nächsten Morgen half ich meiner Supportperson das Frühstück zuzubereiten und es war wirklich richtig lecker. Ich habe mir so viele Brote mit Eicreme und Käse geschmiert, dass man denken könnte, ich platze aus allen Nähten. Später gingen wir dann noch zu einem Rollschuh-Marathon, der direkt in der Straße war, in der meine Supportperson lebt. Wir haben ein paar ihrer Verwandten angefeuert. Um 12:00 ging ich dann mit Ellie wieder zurück zu ihrem Haus und wir haben uns auf die Terrasse gesetzt und UNO gespielt, bis meine Gasteltern kamen. Ich konnte sogar schon die Zahlen und Farben auf Estnisch sagen, was mich irgendwie etwas stolz gemacht hat. Irgendwann fuhr dann dieses schwarzes Auto vorbei und so eine komische Frau hat wie verrückt gewunken. „Das ist meine Gastmutter“, dachte ich mir sofort und ich hatte Recht. Es war meine Gastmutter. Sie hat mich in eine lange, flauschige Umarmung gezogen und gleich darauf gefolgt kam der Gastvater. Ich habe mich so sehr gefreut und hatte aber auch gleichzeitig ziemlich viel Angst. Was ist, wenn meine Gastfamilie nicht so nett ist, wie meine ältere Supportperson? Was ist, wenn sie mich schlecht behandeln oder nicht mögen? Leute, ich kann euch sagen, dass ihr absolut nie alleine mit solchen Zweifeln seid, aber meistens sind sie komplett unbegründet. Meine Gastfamilie hat sich als ein echt süßer Haufen entpuppt. Sie sind jeden Tag mit mir unterwegs und wollen so viel Zeit wie möglich mit mir verbringen. Sie haben mir sogar mein eigenes Zimmer eingerichtet und ich habe ein rieeeeesiges Bücherregal. Ich wurde auch sofort in den Haushalt miteingebunden, was für mich ein Zeichen ist, dass ich dazugehöre. Ich kann mich nicht beklagen über mein Leben hier in Estland. Ich lebe nicht weit von Kinos oder Einkaufszentren weg und kann eigentlich überall hinkommen. Die Menschen hier sind sehr freundlich und total spontan.

Am ersten September fängt für mich die Schule an. Um. 10:00. Uhr. Wie toll ist das bitte? Ich kann schön ausschlafen und dann zur Schule trudeln. Aber eben nur diesen ersten Tag… Dann muss ich immer um 8:00 in der Schule sein. Zum Glück wohne ich nur 15 Minuten von der Schule weg. In Österreich fängt die Schule immer um 7:45 an und weil ich so weit weg wohne muss ich jeden Tag schon um 5:00 aufstehen, damit ich pünktlich zum Zug komme. Das wird mir hier nicht passieren.

Mit jedem verstreichenden Tag gewöhne ich mich immer mehr an dieses neue Zuhause. Ich gewöhne mich daran, dass Estnisch ziemlich lustig klingt und ich bei einem langen Gespräch maximal 7 Wörter verstehen kann. Das R zu rollen fällt mir immer leichter. Und der Zeitunterschied macht sich kaum bemerkbar. Ich mag es, wenn die Kassierer mich anlächeln, weil ich das „Tere“ noch nicht wie eine Estin aussprechen kann. Ich höre jeden Morgen um 8:30 wie mein Gastvater das Haus verlässt, weil die Bodendielen so eklig quietschen.

Hätte man mir vor über einem Jahr gesagt, dass ich für ein ganzes Jahr in Estland leben würde, hätte ich denjenigen ausgelacht, aber jetzt? Jetzt, wo ich hier bin, kann ich mir mein Leben eigentlich gar nicht mehr anders vorstellen. Ich habe so viele liebe Menschen kennengelernt und echt interessante Orte gesehen. Und zum ersten Mal in meinem Leben freue ich mich auf die Schule…

Sonntag, 14. August 2016

Die Ruhe vor dem Sturm.

Heute ist der 14. August und somit bleiben mir noch zwei Tage, bevor ich zu meiner großen Reise aufbreche. Ich kann es noch nicht verstehen, dass für mich bald ein neues Leben beginnt, dass die Leute, mit denen ich mich heute noch ganz normal unterhalten habe morgen nicht mehr da sind. Na gut, sie sind da, aber ich werde es nicht sein. Ich sollte traurig sein, wenn man mich in den Arm nimmt und sagt: „Mach´ es gut, Sonja! Ich hab´ dich sehr lieb und du wirst mir unendlich fehlen.“, aber ich bin es nicht. Es ist doch nur ein Jahr. Ich verschwinde nicht aus der Welt. Ich komme doch wieder! Gestern habe ich angefangen zu begreifen, dass ein Jahr vielleicht doch etwas länger ist, als zwei Wochen. Lustig, dass alle das irgendwie vor mir erkannt haben. Wie lange so ein Jahr ist, das werde ich noch zu verstehen lernen, aber im Moment habe ich das Gefühl, es sei doch so kurz wie fünf Minuten. Zack und dann ist es auch schon wieder vorbei.

Meine Koffer liegen gepackt im Wohnzimmer und mein letzter Tag in Österreich ist vorbei. Morgen geht es nach München, dort werde ich in einem Hotel übernachten, sodass ich am Dienstagmorgen stresslos zum Flughafen in München trudeln kann. Ich habe keine Angst. Ich habe keine Zweifel. Ich bin weder traurig noch leide ich, aber tief im Inneren weiß ich, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Ich weiß, dass ich bald mit mehr Gefühlen kämpfen muss, als mir lieb ist und ich habe absolut keine Ahnung wie ich mit diesen Gefühlen dann umgehen soll.

Heute hatte ich sozusagen meine „Abschiedsparty“. Nun, es war weder eine Party, noch waren viele Leute da. Außer meinen Eltern, meiner Oma, meinen zwei besten Freundinnen und meinen Klassenkameraden weiß niemand, dass ich weggehe. Keine Tante und auch kein Cousin oder sonst irgendjemand weiß davon Bescheid. Ich wollte einfach kein großes Aufsehen erregen und den meisten wird auch gar nicht auffallen, dass ich weg war. Ich habe mich nachmittags mit meinen zwei besten Freundinnen getroffen, wir haben in der Stadt ein Eis gegessen und danach vor der Schule ein kleines Fotoshooting gemacht, das aber nicht so gut lief, weil es ja unbedingt regnen musste. Schlussendlich haben wir uns in die kleine Fotokabine am Bahnhof gedrängt und einige relativ doofe Minifotos gemacht. Und um genau 18:30 mussten wir uns trennen. Mir blieben noch genau zwei Minuten, um meinen blöden Zug zu erreichen, der mich nach Hause bringen sollte. Wir standen einfach nur wie Vollidioten da und wussten nicht, wie wir uns angemessen verabschieden sollten. Irgendwann zogen wir uns alle dann in eine lange innige Umarmung, meine Mädels haben mir noch mitgeteilt, wie sehr sie mich lieb haben und wie sehr sie mich vermissen werden. Es war wie eine Impfung. Es tut kurz weh und dann ist es vorbei. Genauso war es mit den Worten meiner Freundinnen. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich würde anfangen zu weinen, aber so schnell wie dieses Gefühl da war, war es auch schon wieder fort und ich war einfach nur so überwältig von dem Gedanken, dass ich wohl die besten Freundinnen auf der Welt gefunden habe, dass ich Menschen gefunden habe, die nie gesagt haben „Ich will nicht, dass du gehst!“ oder „Muss du wirklich weg?“ sondern, die mir, als ich es ihnen gebeichtet habe, ein warmes Lächeln geschenkt haben und sich gefreut haben, dass mein Traum wahr wird. Meine lieben Freundinnen, wenn ihr diesen Blog jemals findet und genau das hier lest, dann möchte ich euch dafür danken, dass ihr mich mit all eurem Vertrauen und eurer Unterstützung in die große, weite Welt ziehen lasst, wissend, dass ich eines Tages wieder zu euch zurückkehre.

Als diese Minute, die mir noch blieb, um mich zu verabschieden, dann endlich vorbei war, bin ich einfach nur noch gerannt, um den richtigen Bahnsteig zu finden und in den Zug einzusteigen. Ich bin gerade zwei Sekunden zu spät und schon fährt das blöde Ding ab. Während der Schulzeit passiert mir das ziemlich oft, dass ich einige Sekunden zu spät komme und der Zug genau dann abfährt, ohne stehen zu bleiben, obwohl der Lokführer mich sehr wohl sieht und ich dann ne´ gute Stunde auf den nächsten warten muss. Ich wollte mein Handy zücken, ich wollte meine Mutter anrufen und sagen, dass ich doch eine Stunde später komme, ich wollte wieder zurück zu meinen Freundinnen laufen, ihnen erklären, dass ich meinen Zug verpasst hatte und auf den nächsten warten müsste. Wir wären in die stickige Fotokabine gegangen, um noch mehr Fotos zu machen. Wir hatten uns wirklich lange Zeit für den Abschied lassen können.

Ich sah all diese Vorstellungen vor meinem inneren Auge vorbeiziehen. Oh Gott, das Glück ist nie auf meiner Seite. Zum ersten Mal in den rund sieben Jahren, in denen ich schon mit diesem Zug fahre, blieb er stehen. Ganz genau am heutigen Tage um 18:32:08. Er blieb ganz abrupt stehen. Er blieb stehen und wartete darauf, dass das arme Mädchen – Ich –, dass so erbärmlich nachrannte, noch einsteigen kann. Nie habe ich in meinem Leben ein Unternehmen so sehr gehasst.

 


 

Samstag, 23. April 2016

Und so fing alles an.

„Ich habe bereits gehört, dass du gerne ins Ausland möchtest. Ich halte das für eine sehr gute Idee, Sonja!“

Ich hatte mir das Gespräch mit der Direktorin völlig anders vorgestellt. Hätte erwartet, dass sie „Nein“ sagt und mir alle möglichen Gründe nennt, warum ich nicht gehen könne. Das Abitur, das ich nächstes Jahr abschließe (-n würde) und meine Noten in Mathematik und Latein, die seeeehr mangelhaft sind, wären Argumente, um mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Argumente, die meine Direktorin allerdings nicht stören. Sie lässt mich gehen. Gedanklich hatte ich schon abgeschlossen und mich bereits darauf vorbereitet für mein Abitur zu strebern. Aber ihre Aussage brachte alle meine Vorstellungen zum Einsturz. Ich darf gehen. Ich darf Österreich ein sanftes „Lebe wohl!“ sagen und dann gehen. Gehen. Weg. Weit weg. Für 10 Monate. 43 Wochen. 304 Tage. 7304 Stunden. 438290 Minuten. 26297438bSekunden.
Die letzten Tage waren chaotisch. Dokumente mussten ausgefüllt und eingescannt werden. Meine Klassenvorständin musste dies und das noch unterzeichnen. Tränen sind geflossen - Natürlich nicht meine sondern die meiner Mutter. Es wurde gestritten, diskutiert und ignoriert. Das volle Programm. Und das ist bei mir zu Hause unglaublich selten. Ich frage mich, wie das ein paar Wochen vor der Abreise sein wird, wenn es jetzt schon in einer halben Katastrophe endet.
Meinen Eltern fällt ständig noch eine Kleinigkeit ein: “Kann man mit Hermes Pakete nach Estland verschicken?” oder “Nimmst du irgendwelche Schulsachen von Zuhause mit?”

Im ersten Moment stehe ich verdattert da und frage mich, was die überhaupt von mir wollen. Und dann fällt der Groschen. Ich werde ein Jahr lang in Estland leben und mein Kopf tut sein möglichstes, um diesen Gedanken zu verdrängen. Ich gebe zu, dass ich anfangs sehr enthusiastisch war, was diese Entscheidung anbelangt, aber mittlerweile plagen mich Zweifel. Zweifel, die jeder Austauschschüler kennt. Und Zweifel zu haben, ist völlig in Ordnung. Das ist mir endlich klar geworden. Es ist vielleicht auch lebensnotwendig. Jedenfalls, ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, mein Abitur hinauszuzögern. Ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, meine Freunde und meine Familie zurückzulassen, wissend, dass ich meine Oma vielleicht nie wieder sehe und meine besten Freundinnen für mich zu Fremden werden. Ich frage mich, ob mir dieses Jahr etwas bringt und ob es mich wachsen lässt. Ich frage mich, ob es das eigentlich wert ist. 

Die nächste Phase, die mich plagt, ist das “Realisieren”. “Du lebst ein Jahr im Ausland? Bist du denn gar nicht aufgeregt? Sag´ schon!”. Ich kann zwar mit dem Gedanken leben, dass ich ein Austauschjahr machen werde, aber irgendwie versteht mein Kopf nicht, dass das auch wirklich passieren wird. Ich habe keine Angst, aber ich freue mich auch nicht. Sommer. Heiß. August. Das Abreisedatum liegt sehr fern in der Zukunft. Deswegen brauche ich mir auch noch keine Gedanken darüber machen. Ich schiebe alles in eine Ecke meines Kopfes und sage mir “Bist dahin sind ja noch ein paar Monate Zeit!"