Samstag, 23. April 2016

Und so fing alles an.

„Ich habe bereits gehört, dass du gerne ins Ausland möchtest. Ich halte das für eine sehr gute Idee, Sonja!“

Ich hatte mir das Gespräch mit der Direktorin völlig anders vorgestellt. Hätte erwartet, dass sie „Nein“ sagt und mir alle möglichen Gründe nennt, warum ich nicht gehen könne. Das Abitur, das ich nächstes Jahr abschließe (-n würde) und meine Noten in Mathematik und Latein, die seeeehr mangelhaft sind, wären Argumente, um mich von meinem Vorhaben abzuhalten. Argumente, die meine Direktorin allerdings nicht stören. Sie lässt mich gehen. Gedanklich hatte ich schon abgeschlossen und mich bereits darauf vorbereitet für mein Abitur zu strebern. Aber ihre Aussage brachte alle meine Vorstellungen zum Einsturz. Ich darf gehen. Ich darf Österreich ein sanftes „Lebe wohl!“ sagen und dann gehen. Gehen. Weg. Weit weg. Für 10 Monate. 43 Wochen. 304 Tage. 7304 Stunden. 438290 Minuten. 26297438bSekunden.
Die letzten Tage waren chaotisch. Dokumente mussten ausgefüllt und eingescannt werden. Meine Klassenvorständin musste dies und das noch unterzeichnen. Tränen sind geflossen - Natürlich nicht meine sondern die meiner Mutter. Es wurde gestritten, diskutiert und ignoriert. Das volle Programm. Und das ist bei mir zu Hause unglaublich selten. Ich frage mich, wie das ein paar Wochen vor der Abreise sein wird, wenn es jetzt schon in einer halben Katastrophe endet.
Meinen Eltern fällt ständig noch eine Kleinigkeit ein: “Kann man mit Hermes Pakete nach Estland verschicken?” oder “Nimmst du irgendwelche Schulsachen von Zuhause mit?”

Im ersten Moment stehe ich verdattert da und frage mich, was die überhaupt von mir wollen. Und dann fällt der Groschen. Ich werde ein Jahr lang in Estland leben und mein Kopf tut sein möglichstes, um diesen Gedanken zu verdrängen. Ich gebe zu, dass ich anfangs sehr enthusiastisch war, was diese Entscheidung anbelangt, aber mittlerweile plagen mich Zweifel. Zweifel, die jeder Austauschschüler kennt. Und Zweifel zu haben, ist völlig in Ordnung. Das ist mir endlich klar geworden. Es ist vielleicht auch lebensnotwendig. Jedenfalls, ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, mein Abitur hinauszuzögern. Ich frage mich, ob es eine gute Idee ist, meine Freunde und meine Familie zurückzulassen, wissend, dass ich meine Oma vielleicht nie wieder sehe und meine besten Freundinnen für mich zu Fremden werden. Ich frage mich, ob mir dieses Jahr etwas bringt und ob es mich wachsen lässt. Ich frage mich, ob es das eigentlich wert ist. 

Die nächste Phase, die mich plagt, ist das “Realisieren”. “Du lebst ein Jahr im Ausland? Bist du denn gar nicht aufgeregt? Sag´ schon!”. Ich kann zwar mit dem Gedanken leben, dass ich ein Austauschjahr machen werde, aber irgendwie versteht mein Kopf nicht, dass das auch wirklich passieren wird. Ich habe keine Angst, aber ich freue mich auch nicht. Sommer. Heiß. August. Das Abreisedatum liegt sehr fern in der Zukunft. Deswegen brauche ich mir auch noch keine Gedanken darüber machen. Ich schiebe alles in eine Ecke meines Kopfes und sage mir “Bist dahin sind ja noch ein paar Monate Zeit!"

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